partikelfernsteuerung


Touch&Travel
2. Juni 2009, 11:19
Filed under: digitalgebastel, merkwürdig | Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

Die Bahn und ein paar Verkehrsbetriebe testen gerade Touch&Travel. Das System bietet eine elektronische Fahrkarte auf dem Handy, man loggt sich an Start- und Endhaltestelle ein- und aus, am Ende bekommt man eine Rechnung für die tatsächlich getätigten Fahrten.

Das Handy wird an dazu bei Fahrtbeginn an einen Touchpoint gehalten und liest mit einer Funktechnik (Near-Field-Communication, NFC) die Haltestelle aus und meldet sie als Startpunkt an das System. Genauso erfolgt der Logout am Ziel. Der Weg dazwischen wird genau ermittelt, indem die durchquerten Funkzellen des Mobilfunknetzes an das System übermittelt werden.

Der Pilottest dieses Systems ist aus folgenden Gründen kritikwürdig:

  • Alle Berliner U- und S-Bahnstationen, bzw. in Potsdam sogar alle Bus- und Tramhaltestellen mussten mit einem oder mehreren der oben abgebildeten „Touchpoints“ ausgestattet werden. Das ist ein ziemlicher Installationsaufwand, auch wenn der Stückpreis sich wahrscheinlich in Grenzen hält. Die große Ersparnis, nämlich der Verzicht auf die alten Fahrkartenautomaten wird wohl noch ein paar Jahrzehnte auf sich warten lassen.
  • Es gibt kaum Handys, die NFC lesen können. Der Standard bedeutet die Integration einer weiteren Funktechnik in die Telefone, nachdem die Hersteller schon GSM. UMTS, Bluetooth, WLAN und GPS untergebracht haben. Dabei fallen zum Thema Positionsbestimmung und Kurzstreckenfunk selbst dem Laien bereits verbreitete Standards ein (GPS+Bluetooth)
  • Die Nutzung des Systems bedeutet einen geradezu wahnwitzigen Verlust an Privatsphäre. Im Nahverkehr kann bei einer normalen Fahrkarte nicht nachvollzogen werden, wer wann wohin gefahren ist. Bei einer Kontrolle reicht es, wenn Einstiegszeit und -ort halbwegs plausibel sind. Bei Touch&Travel werden Start und Ziel sowie der Weg dazwischen exakt aufgezeichnet. Bei fefe gibt es ein Beispiel für die detaillierte Rechnung, die man als Kunde erhält. Die anfallenden Datenberge überlässt man nicht nur der Bahn, sondern liefert sie dank Vorratsdatenspeicherung auch noch an den Mobilfunkprovider und andere interessierte Organe.
  • Ich weiß nicht, ob Marktforscher, Soziologen oder Betriebswirtschaftler einen Begriff dafür kennen. Ich nenne es einfach „Killerpauschale“. Die geht so: Wenn jemand so intensiv den ÖPNV nutzt, dass es sich lohnt, sich für die schnelle und unbürokratische Touch&Travel-Zahlweise anzumelden – kann er sich auch gleich eine Monatskarte kaufen. Oder anders: Es gibt zwischen Gelegenheitsfahrern („Fahrschein kauf ich am Automaten“) und Vielfahrern („Monatskarte!“) nur eine schmale Zielgruppe.
    Der Pauschal-Deal zwischen Kunden und Anbietern („Ich gebe dir einen Rabatt, dafür ersparst du mir Abrechnungsaufwand“) ist schon alt und funktioniert gut. Es gibt keinen Grund, ihn mit riesigem technischem Aufwand aufzukündigen.

Wer meine Zweifel ausräumen möchte, ist herzlich willkommen.

Bild von angermann(CC „by-sa 2.0“)

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